Abirede


Dies ist eine Rede, die ich zum Abschluss meiner Schullaufbahn schrieb und vortrug. Ich empfinde die Dokumentation solch alter Schriftstücke als sehr erhellend, da man oft über den Lauf der Zeit historische Momente und Charakterentwicklungen erkennen kann.

Guten Abend. Nun haben wir unser Abitur also geschafft. Ob gut oder schlecht – es kann uns keiner mehr nehmen. Aber für uns persönlich ist es mehr als nur ein Zertifikat. Wir sind alle älter und reifer geworden, die meisten bereit sich in die Welt zu begeben. Wir haben uns alle im Laufe der Zeit viele Gedanken gemacht, ich für meinen Teil habe nicht immer alles Gedachte mitgeteilt. Nun sehe ich die Chance einige Gedanken mit euch zu teilen.

Ich stelle mir die Frage: Wo stehen wir heute? Es fehlt die Zeit, sich mit Kindern wirklich auseinander zu setzen und jedem Kind seine Persönlichkeit zuzusprechen. Der starke Leistungsdruck wird zu einer Last der Kindheit. Bei diesem Prozess wird jedoch eine unglaublich hohe Zahl an talentierten Kindern nicht gefordert. Besonders kreative und musische Kinder finden keinen Platz, sich auf ihre Art auszudrücken. Wir sollten uns ernsthaft überlegen, ob wir uns diesen Verlust die nächsten Generationen noch länger leisten können.

Außerdem kommt es mir so vor, als haben wir uns einer falschen Individualität verpflichtet. Damit möchte ich nicht sagen, dass Individualität etwas Schlechtes ist. War früher Individualität undenkbar wurde sie zum erfüllten Wünsch unserer Gemeinschaft. Jedoch finde ich es einfach schade mit anzusehen, dass die Individualität als Recht mehr durch eine Individualität als Lebensstil ersetzt wird. Manche leben in einem Schein statt Sein. Wir sollten uns Gedanken darüber machen, in wie weit wir uns ändern und darauf achten, dass wir uns nicht selber verlieren. Wir sind so viele, dass jeder irgendwann auf einen Gleichgesinnten trifft.

Verstellt euch nicht, Authentizität macht nicht nur unglaublich attraktiv, es ist auch ehrlich und vor allem einfacher. Zur Identitätsfindung gehört natürlich auch der Blick auf andere. Doch was bringt uns der Vergleich mit anderen? Ich gebe hier zwei Dinge zu bedenken: Erstens gibt es sicherlich viele Menschen, die durch ihre Talente in gewissen Bereichen einfach besser sind als andere. Im Normalfall gleicht sich gut und schlecht aber aus. Zweitens sind die typischen Vorbilder oft die, die für unsere Augen ein Image aufbauen, das nicht immer der Wirklichkeit entsprechen muss.

Die wirklichen Vorbilder sollten meiner Ansicht nach die sein, die beide Seiten zeigen. Auch Bescheidenheit gehört für mich dazu, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass z.B. Neid ein oftmals unbegründetes und nutzloses Empfinden ist, dass nur zu Schwierigkeiten führt.

Damit jeder nun seinen Platz findet, haben wir alle eine Gemeinschaft erschaffen, wie man sie wohl selten findet. Dass das Schaffen von Einheit sowohl Zeit, als auch Geduld und Motivation benötigt habe ich in meiner Zeit als Schulsprecher zu Genüge erfahren müssen. Jeder hat andere Wünsche und Vorstellungen. Wir dagegen haben – jeder für sich und doch gemeinsam – dazu beigetragen. Toleranz ist ein hohes Gut, dass uns auch den Weg in andere Kulturen, wie z.B. Afrika oder Südamerika öffnet. Nebenbei kann ich nur jedem empfehlen, sich sozial zu engagieren. Mit der Schulleitung, meinen eigenen Lehrern und Mitschülern außerhalb des Unterrichts zusammen zu sitzen und gemeinsame Pläne und Träume zu verwirklichen ist eine schöne Erfahrung, die jeder machen sollte.


Seit gestern ist es offiziell, es braucht neue Planung. Jeder hat es schon erlebt – es ist eine Sekunde, die alles Folgende verändern kann. Planung ist zwar gut zur Orientierung, wird aber so schnell auch zum Hindernis, sollte der Plan mal nicht mehr erfüllbar sein.

Schon mal überlegt, was in einer Sekunde passieren kann? Man verletzt sich, es geschieht ein Unfall. Betroffenheit nach einem Anruf. Auf der anderen Seite gibt es diese entscheidende Sekunde vor dem Kuss. Kurze, intensive Blicke. Zarte Berührungen. Im Kontext kommt es aber nicht darauf an, was geschieht. Es kommt darauf an, was folgt. Gerade in der Kindheit und Jugend ist es doch das Wichtigste, Erfahrung zu sammeln und die Zeit einfach zu genießen. Die Ordnung und Freizeit, die uns die „Schola“ brachte, werden wir wohl so nie wieder erleben.

Im Nachhinein können wir wohl alle auf eine ereignisreiche Zeit zurückblicken. Erinnert ihr euch an eure ersten Eindrücke der Schule? Die ersten Stunden Unterricht im Gymnasium? Wir schlossen neue Freundschaften, einige hatten das Glück alte Freunde weiterhin bei sich zu haben. Wir erinnern uns an die erste Liebe, an Streitigkeiten, an das Bilden von Gruppen und das Folgen von Trends. Und natürlich die Klassenfahrten.

Es gibt so zahlreiche Höhen und Tiefen. Weise Menschen sagten, wir sollten nichts bereuen, wenn es im betreffenden Moment genau das war, was wir wollten. Auch passt dazu wunderbar eines meiner Lieblingszitate: „Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen.“ – Winston Churchill

Aber natürlich kommen manche von uns auch zu dem berühmten Punkt der Revision: „hätte ich doch, wäre ich doch“. Es gibt keine Möglichkeit, Getanes rückgängig zu machen. Die Optimisten unter uns machen das Beste daraus, andere nehmen ihr Schicksal wie es kommt. Aber nichts bringt einem die Zeit zurück, die man möglicherweise ungenutzt ließ.

An dieser Stelle möchte ich diesen Moment nutzen, all denen, die mich während meiner Ausbildung begleitet haben, zu danken. Manche seit der 11., manche schon seit der 1. Klasse. Ich danke meinen Freunden, meiner Familie, meinen Eltern und den Frauen, die meine Gefühle erwiderten (oder auch nicht). All denen, mit denen ich Zeit verbracht habe und die sich mit mir ausgetauscht haben. Ich mag nicht immer der Einfachste sein, aber für mich sind Werte wie Respekt, Interesse und Gegenseitigkeit grundlegend.

Jeder Moment, jede Sekunde ist ein Gewinn an Erfahrung, ein Wachstum. Das Jetzt ist der Zeitpunkt, den jeder klar wahrnimmt. Vergangenheit geht vergessen, die Zukunft ist ungewiss. Dieser Zeitpunkt ist das Produkt der Vergangenheit und der Ausgangspunkt unserer Zukunft. Unser Jetzt ist dieser Moment, der Moment in dem wir die Schule abschließen und wir uns neuem widmen.

Unser Jetzt ist auch deshalb besonders, weil es für viele von uns heute die letzte Begegnung sein wird. Ich habe deshalb eine letzte Bitte an euch: Nutzt den Abend, um vielleicht auch Ungesagtes auszusprechen.

Vielen Dank.