Kritische Einführungstage (KRETA) Dresden, April 2017


Angst und Politik

  • Voller Titel: “Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ – Philosophische Perspektiven zum Verhältnis von Angst und Politik
  • Thementeil Angst
    • Unterscheidung ängstliche Vernunft / vernünftige Angst
    • den Begriff "Zeitalter der Angst" findet man erst in der Moderne, das Thema scheint demnach ein neues Phänomen zu sein
    • Beispiel anhand zweier Existenzialisten: Kierkegaard und Heidegger
    • Beide sagen, Leben ohne Angst sei unmenschlich
    • Kierkegaard mit "Begriff der Angst" von 1844
      • Angst mache unfrei, gleichzeitig ist die Angst die Möglichkeit zur Freiheit
      • Der Mensch entdeckt sich selbst, in dem er Angst und dadurch sich selbst wahr nimmt (Angst kann man nur selbst, aus dem eigenen Inneren haben)
    • Heidegger mit "Sein und Zeit" von 1927
      • Angst ist die Grundbefindlichkeit des Daseins
      • Angst holt den Menschen aus dem abstrakten "man" (welches im Alltag verwendet wird, um vom konkreten Menschen zu abstrahieren) und verdeutlicht, dass ich es bin, der Angst hat
      • Erwecken des "In-der-Welt-Seins"
  • Thementeil Politik
    • Ausführung anhand Hobbes mit "Leviathan" (1651), Übergang vom Naturzustand in Staatszustand
    • Menschen sind in staatlicher Gemeinschaft organisiert und geben Gewalt an den Herrschenden ab
  • Wie lässt sich die philosphische Positivierung der Angst politisch denken/nutzen?
    1. Individuell: Dialog mit mir selbst aufbauen, mehr Gelassenheit und Vertrauen in sich selbst, Bildung vorantreiben um Ängste abzubauen
    2. Bedingungen für Freiheit schaffen (soziale und ökonome Sicherheiten etablieren und stabilisieren)
    3. Institutionell: Institutionen müssen Dialog mit Gesellschaft fördern, Abbau von institutionellen Monopolen (Beispiel "Losen statt Wählen")
    4. "Schutz vor dem Schutz vor dem Staat"

Sprache und Politik

  • Zum Einstieg vier Beispiele von Reden mit jeweiligen Eigenschaften
    • Joachim Gauck: "Freiheit"
    • Merkel: nichts Konkretes
    • Höcke
    • Trump: Verwendung von "Sad!!" in Tweet
  • Gegenüberstellung "Überzeugen" versus "Überreden"
  • Frage: "Inwieweit ist Politik auf Sprache angewiesen?"
  • Einführung in Konversationsmaximen von Paul Grice (folgend aus Wikipedia mit Erläuterung von mir):
    1. Maxime der Quantität (Maxim of Quantity): sage genau so viel wie nötig
    2. Maxime der Qualität (Maxim of Quality): sage nur Richtiges und Wahres, für das du genug Quellen vorweisen kannst
    3. Maxime der Relevanz (Maxim of Relevance): sage nur, was auch zum aktuellen Thema gehört
    4. Maxime des Stils/der Modalität (Maxim of Manner): sage Dinge geordnet, klar und deutlich
  • Frage: "Wie politisch ist Sprache?"
    • Beispiele: "Flüchtling", "Leistung"
    • Nur durch das Sprechen allein wird bereits eine Botschaft transportiert bzw. ein Gefühl beim Empfänger geweckt
      • Sprache tut immer mehr, als nur zu benennen
      • Wörter haben Wert-Konotation
    • Nicht nur Wortinhalt enthält Wertung, sondern auch die Syntax (vgl. Gendern). Syntax/Grammatik steckt bereits den Rahmen, in dem weiter gedacht wird
    • "Wer spricht?". In Demokratie: alle (die wollen)
      • setzt voraus, dass alle sprechen können
      • Praxis: Gruppen werden vom Diskurs ausgeschlossen, Wahrheitsbestimmung durch Ausblenden
  • Wertedebatte
    • Beispiel: eine indische verwitwete Frau wird zusammen mit ihrem Mann verbrannt. Dieses Ritual wird in der westlichen Welt als rückständig verurteilt
      • Dilemma: indische Witwe steht zwischen den Fronten und kann sich ggf. keiner der beiden Welten zuordnen
      • aktuelles Beispiel in Deutschland: Kopftuch-Debatte
    • Mensch in der liberalen Ökonomie: Reduktion des Menschen auf seinen Marktwert
      • dies wird ebenfalls in Sprache manifestiert
  • Zwischenfazit: die genannten Probleme können nicht durch Politik gelöst werden
    • Debatten müssen außerhalb der Politik geführt werden, Distanz aufbauen
    • Begriffskritik, anti-politische Bewegung, Debatten müssen außerhalb der Begriffs-Machtkämpfe geführt werden
  • Fragerunde
    • Erläuterung von positiven und negativen Werten von Wörtern
      • Der Wert eines Begriffs wird in Sozialisierung/Erziehung durch Vermittlung von Gefühlen gefestigt (Beispiel: Reaktion der Mutter auf bestimmte Dinge, die mit einem Begriff verbunden werden) (Beispiel 2: lateinamerikanische Buchhandlungen sind überflutet von Self-Improvement-Büchern und dem Thema "Reich werden")
      • Die Änderung von anerzogenen Werten ist sehr schwierig, da diese sehr tief verankert sind (Beispiel: religiös erzogene Kinder sind mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder religiös)
    • Darf ein Weißer über Rassismus diskutieren?
      • Beteiligte müssen darauf achten, eine Gruppe (welche möglicherweise nicht einmal an der Diskussion teilnimmt) zu bevormunden
    • Haben die durch Sprache Benachteiligten überhaupt die Chance, an der Entwicklung der Sprache mitzuwirken (Unterschicht, Ausländer)?
      • Benachteiligten müssen Wirkungs-/Gestaltungsräume zur eigenen Emanzipation zur Verfügung gestellt werden
      • Diskussion über Privilegien außerdem nur möglich, wenn alle das gleiche Privilegien-Verständnis besitzen